Der Tunnelbauer
von Maja Nielsen
Themen
Geschichte — Politik – Flucht – Heimat – Freiheit – Mut – Verantwortung – Angst – Hoffnung – Engagement – Deutschland – Berlin – Hilfe – Spannung – Abenteuer – Literatur
Inhalt
Berlin 1961: Für Achim könnte es eigentlich nicht besser laufen – das Abitur hat er in der Tasche, einen Studienplatz sicher und Chris, das Mädchen, das er heimlich liebt, scheint auch ihn zu mögen. Doch über Nacht ändert sich alles. Mit dem Bau der Mauer schlägt das DDR-Regime einen härteren Ton an. Misstrauen, Verfolgung und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Als einer seiner Freunde im Gefängnis landet, fasst Achim einen schweren Entschluss: Er muss raus aus Ostberlin und alle, die er liebt, zurücklassen. Drüben angekommen, setzt er alles daran, Menschen aus der DDR bei ihrer Flucht zu unterstützen. Gemeinsam mit anderen Helfern gräbt er Tunnel von West- nach Ostberlin – in ständiger Angst, von der Stasi entdeckt zu werden, und voller Hoffnung, Chris eines Tages wiederzusehen …
Angaben zum Buch:
Titel: Der Tunnelbauer
Autorin: Maja Nielsen
nach einer wahren Geschichte von Achim Neumann
Verlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-6230-8
Verlagsseite zum Buch ➚
Kommentar:
„Ein packender Roman über die legendären Tunnelfluchten aus der DDR, erzählt nach einer wahren Geschichte“ – das lesen wir in der Kurzbeschreibung des Verlags, auch auf der Rückseite des Bucheinbands. Das ist richtig, bei näherem Hinsehen aber doch zu wenig: Schon das erste Kapitel des Buchs, das von der Flucht des Protagonisten Achim im Dezember 1961 erzählt, vier Monate nach Errichtung der Berliner Mauer, packt nicht nur, sondern macht atemlos vor Spannung, ob und wie die aufregende Flucht mit einem geliehenen und Achim in Ostberlin durch einen Kurier zugesteckten Schweizer Pass gelingen mag; nur durch die große Ähnlichkeit des Pass-Fotos als Identitätsnachweis für Achim ist das überhaupt möglich und natürlich durch das Glück, sich beim Grenzübergang gegenüber den Grenzposten richtig, also unauffällig zu verhalten. Das Atemlose, die Anspannung, die Aufregung, den Angstschweiß, die Gedanken, die Achim durch den Kopf gehen, all das bekommen die Leser hautnah mit.
Aber warum ist das so ergreifend? Zum einen geht es hier um eine ganz wirklich genau so passierte Geschichte. Die wird dann aber exemplarisch für die damalige Zeit 1961 in Berlin ganz lebendig in Erinnerung gerufen und für alle Nachgeborenen wie gerade jetzt sich ereignend dramatisch erzählt. Maja Nielsen, schon seit langem bekannt durch ihre spannenden Sach- und Hörbücher aus allen Teilen der Welt und vielen Epochen der Weltgeschichte, die ist nicht nur eine ausgezeichnet informierte und zugleich spannend berichtende Sachbuch-Autorin, sondern eine Literatin ersten Ranges: Das zeigt sich vor allem in der klugen Komposition der insgesamt 42 Kapitel, die an einem Stück zu lesen man kaum lassen kann eben wegen der inneren Spannung, wie es wohl weitergehen und enden mag. Die literarische Komponierkunst zeigt sich noch mehr in der Sprache, die sich fast unmerklich je Kapitel ändert, einmal ein Geschehen fast im Zeitraffer uns mitreißend, einmal wie im ersten Kapitel ein plötzliches Gedankenwirrwar nahezu unerträglich über mehrere Absätze den Erzählfluss verzögernd und ausspannend. Meist im aktualisierendem Präsenz ist der Text geschrieben geschrieben, aber im ersten Teil eingeschoben auch als Vergegenwärtigung, wie es dazu kommen konnte, in der eher nachher und darum so nach-denkenden Vergangenheitsform.
Das Besondere dieses Buchs heute 2026 nach ziemlich genau 65 Jahren, also nach etwa zwei Generationen, ist natürlich der Inhalt in seiner Aktualität, die Aktualität nicht nur der Ereignisse um den Bau der Berliner Mauer und die damit zementierte Trennung von Ost- und West-Deutschland, die auch nach der inzwischen auch schon über 35 Jahre alten friedlichen Wiedervereinigung ein elementares Mahnmal hoffentlich für lange Zeit bleiben wird. Aktuell ist diese Geschichte Deutschlands aber auch durch den gerade heute so dringend erforderlichen Mut zur Unterscheidung von Recht und Unrecht, auch gegenüber Unrechtsstaaten, und auch im Blick auf unsere Verantwortung, dem nicht nur sprachlos ausgeliefert zu sein, sondern etwas dagegen tun zu können. Der letzte Satz der Geschichte ist wohlbedacht, wenn es von Achim, dem Protagonisten anlässlich seiner Hochzeit heißt: „Und das spürt er, dass er in seiner neuen Heimat angekommen ist.“ Wünscht man das nicht allen Menschen?
Das Buch ist also hochpolitisch, ohne irgendwie überwältigend zu sein. Dafür spricht, dass es sich um eine „wahre Geschichte“ handelt, dass also Nielsens Erzählung nicht nur auf Achim Neumanns Erlebnisse zurückgehen, sondern dass Achims ganz realen, da nachprüfbaren Erlebnisse und Erinnerungen die Grundlage für das Buch bieten. Maja Nielsen nimmt darum Achim Neumann als Zeitzeugen und lebendigen Erzähler mit auf ihre Lesereisen. Wir von LeseLeben haben das gerade im Februar 2026 ganz eindrücklich an einem Heidelberger Gymnasium miterleben dürfen. Ein Tipp ist das für alle Geschichts-, Politik-, vor allem aber Deutsch-Lehrer:innen in ganz Deutschland, dieses Paar zu solch einer garantiert unvergessen bleibenden Lesung einzuladen. Und natürlich finden sich im Anhang des Buchs auch viele Hinweise und Daten zu den handelnden Personen, den Geschehnissen um die Deutsche Teilung nach 1945, die Berliner Mauer 1961 und die Wiedervereinigung 1989/1990., auch Tipps zu weiterführenden Informationen über Bücher, Filme, Museen.
„Der Tunnelbauer“ – Ein Muss für alle an Spannung, Geschichte, Literatur interessierte junge und alte Menschen. Hier für „Leanders Lieblinge“ vorgestellt und empfohlen von Gabriele Hoffmann und Bernhard Petermann, LeseLeben e.V. – Über www.leseleben.de findet ihr viele weitere Buchempfehlungen (mit Kurzvideos) und Seminar-Angebote.
Unterrichtsmaterial mit Zeitzeugen Interview: